Weihnachtsbrief
Dezember 2025
Liebe Freunde,
im November ist der Klimagipfel COP 30 in Belem zu Ende gegangen. Eine weitere Großveranstaltung, an die hohe Erwartungen gerichtet waren, die aber größtenteils enttäuscht wurden. Zum eigentlichen Ansinnen, das Klima und unsere Umwelt durch eine Reduzierung fossiler Energieträger zu schützen, gab es keinerlei Ergebnisse. Was im Gedächtnis bleiben wird, sind die abfälligen, sinnfreien und völlig überflüssigen Sprüche unseres Kanzlers. Für alle, die sich seit Jahren in der Brasilienarbeit und damit auch für die Völkerverständigung engagieren, beschämend.
Dabei hatte die Stadt Belem als Austragungsort der COP 30 großen Symbolcharakter. Brasilien wollte der Welt zeigen, dass der Regenwald ökonomisch verträglich geschützt und genutzt werden kann. Er hat eine zentrale Funktion für das weltweite Klima, und allein die Artenvielfalt ist um ihrer selbst willen schon schützenswert. Durch Brandrodung, Rinderfarmen und Sojaanbau vernichten wir diese Wälder unwiederbringlich.
Der Erhalt der Regenwälder ist enorm wichtig und selbst dann vernünftig, wenn wir unsere ökonomischen Modelle zum Maßstab allen Handelns machen. Zahlreiche wirtschaftlich nutzbare Pflanzen und Früchte (bspw. Açaí) bilden schon heute eine Einkommensgrundlage für Tausende von Menschen. Heilpflanzen und das Wissen der indigenen Bevölkerung sind Grundlage für die Entwicklung neuer Arzneien und Therapien. Und nicht zuletzt sind die sogenannten „fliegenden Flüsse“ des Amazonas, die täglich Milliarden Tonnen Regenwasser in weite Teile Südamerikas transportieren, unabdingbar für das Klima.
Von den globalen Herausforderungen hin zum Handeln im kleineren Format: in unseren Schulgärten bringen wir schon Kindern ab dem Grundschulalter nahe, wie faszinierend die Natur ist. Sie lernen die Kreisläufe vom Aussäen über die Pflege und Bewässerung bis hin zur Ernte und Kompostierung von Pflanzenresten kennen und verstehen. Schon vor 25 Jahren haben wir damit begonnen, Schulgärten in Simões Filho anzulegen. Der erste Garten entstand in der Behindertenschule Resurreição, der jüngste und wohl schönste ist auf dem Gelände der „Creche Frei Arnoldo“ angelegt. Beim Bau dieser Kindertagesstätte im Jahre 2001 haben wir darauf geachtet, den Baumbestand zu erhalten, so dass dort heute auch Bananenstauden, Papaya-, Mango- und Brotbäume wachsen und Früchte tragen.
In fast allen Kitas und Schulen in Brasilien gibt es Schulküchen. Schulgärten haben daher nicht nur eine pädagogische Funktion, sondern bereichern auch die Schulmahlzeiten mit frischem Obst und Gemüse. Über gutes Essen sprechen die Kinder mit ihren Eltern, was deren Interesse weckt. Eine perfekte Möglichkeit, Zusammenhänge von ökologischem Anbau und schmackhaften, gesunden Lebensmitteln in Vorträgen und Kursen zu vermitteln. In unseren Schulgärten ist Prof. Neiva der verantwortliche Mann; er ist schon seit vielen Jahren pensioniert, hat aber nach wie vor viel Freude an dieser Arbeit, die er ehrenamtlich leistet.
Es sind kleine Schritte, aber auch viele kleine Schritte führen zum Ziel. Unsere Schulgärten sind ein gutes Beispiel dafür, wie aus kleinen Impulsen heraus Dinge in Bewegung kommen. Inzwischen hat die Stadtverwaltung die Bedeutung der Gärten wahrgenommen und möchte nach diesem Modell in vielen weiteren der insgesamt über 100 Schulen in Simões Filho Schulgärten einrichten.
Etwa 20 km entfernt (in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem unter Naturschutz stehenden Teil des Atlantischen Regenwaldes) liegt ein Elendsviertel, in dem wir seit 14 Jahren tätig sind: Novos Alagados, eine Favela mit über 20.000 Bewohnern. Im Jahre 2011 lernten wir Vera Lazzarotto kennen. Sie und ihr Mann hatten in den 70er Jahren gemeinsam mit engagierten Bewohnern dieser comunidade einen Verein gegründet, um für die Grundrechte der Menschen einzutreten. Es gab damals kein fließendes Wasser, keine Kanalisation, keine Schulen und keine Gesundheitsversorgung. Die Menschen lebten in einfachen Hütten, die zusammengepfercht auf Pfählen im Wasser standen. Die ganze Bucht war eine riesige Kloake, in der sich Krankheitsherde ungehindert ausbreiten konnten.
Heute sind aus den Pfahlfavelas einfache, aber solide Behausungen geworden. In den 80er Jahren wurden mit finanzieller Unterstützung aus Italien, der Schweiz und Deutschland drei soziale Einrichtungen gebaut: eine Kindertagesstätte, ein Jugendheim namens Cluberê und die Schule Escola Popular. Diese waren und sind von großer Bedeutung für die Entwicklung der Favela, denn sie leisten eine wichtige präventive Arbeit gegen das Abrutschen in Kriminalität, Drogen und Prostitution.
Genau hier konnten wir vor 15 Jahren anknüpfen und helfen, diese Arbeit fortzuführen und weiter auszubauen: im Cluberê wurde die Zahl der aufgenommenen Jugendlichen verdoppelt. 250 Jungen und Mädchen können dort jeden Tage Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung in Anspruch nehmen. Außerdem werden Kurse wie Fußball, Theater, Lesen, Musik, Capoeira, Computer, Nähen, Englisch, JiuJitsu und Gartenbau angeboten.
Regelmäßig machen die Kinder auch Ausflüge in den erwähnten Naturpark São Bartolomeu, der mit zahlreichen Wasserfällen und seiner Pflanzen- und Tierwelt in Salvador einzigartig ist. Es ist wichtig, den Heranwachsenden all‘ diese Kurse und Aktivitäten anzubieten. Viel wichtiger, als es auf den ersten Blick erscheint. Denn Bahia mit der Hauptstadt Salvador hat im Vergleich zu allen anderen Bundesländern die höchste Zahl an sog. facções; das sind bewaffnete Verbrecherbanden, die um ihre Territorien und die Einflussnahme im Drogengeschäft kämpfen und auch Minderjährige rekrutieren. Es sind Programme und Einrichtungen wie die des Cluberê, die den Drogenbanden langfristig den Nährboden entziehen.
Ein sehr schönes und informatives Video zu der sozialen Arbeit von Emaús findet ihr auf Youtube unter „Brasiliens vergessene Helden“. Und ausführliche Informationen zu all unseren Projekten enthält unsere Internetseite: www.brasilien-cooperative.de.
Mit Freude blicken wir auf das Jahr 2025 zurück, in dem wir gemeinsam mit unseren Projektpartnern und dank Eurer Hilfe sehr viel erreicht haben. Für Euer Vertrauen und Eure Unterstützung wie immer ein ganz herzliches Dankeschön!
Euch allen Frohe Weihnachtstage und einen guten Start ins Neue Jahr.
Liebe Grüße
Eure Brasilien-Cooperative-Haltern eV



