Brasilien-Cooperative-Haltern e.V.
Brasilien-Cooperative-Haltern e.V.

Rückblick in die Geschichte 

Der Name Alagados bedeutet „überflutetes Land“ und bezeichnet eine der markantesten Favelas in Salvador. Sie liegt an der Allerheiligenbucht und die Überflutungen entstehen durch den Wechsel von Ebbe und Flut. Dieses Elendsviertel entstand im Zuge der großen Migration in den 50er und 60er Jahren. Angelockt durch Aussicht auf Arbeit und ein besseres Leben wanderten Millionen Brasilianer vom Hinterland in die großen Städte. Salvador war damals mit 500.000 Einwohner die drittgrößte Stadt Brasiliens (heute sind es etwa 3 Mio Einwohner). 

Weil es in der Stadt nur begrenzt Platz gab, bauten die Zuwanderer ihre Hütten auf Pfählen an den Ufern der Allerheiligenbucht. Dort gab es damals nichts außer diesen ärmlichen Behausungen: keine Schulen, keine Gesundheitsversorgung, kein Strom, keine Kanalisation. Nur auf Brettern und Stegen konnten die Menschen ihre Hütten erreichen; unter ihnen das übelriechende Wasser als Brutstätte für viele Krankheiten.

Associação Primeiro de Maio

In den 70er Jahren - damals war Brasilien noch eine Militärdiktatur - nahmen die Bewohner von Novos Alagados ihr Schicksal in die eigene Hand und gründeten den Verein "Associação Primeiro de Maio". Ziel des Vereins war es, die Lebensbedingungen in den Alagados zu verbessern und den Bewohnern, viele von ihnen Analphabeten, zu ihren Grundrechten auf Wohnen, Gesundheitsversorgung und Bildung zu verhelfen.

Wichtige Mitstreiter in dieser Zeit waren António Lazarotto (Lázaro) und seine Frau Vera. Lázaro kam 1976 nach Salvador und unterstützte zunächst einige Fischerfamilien in den Alagados. Sein soziales Engagement weitete sich schnell aus. Dank seiner Kontakte wurden internationale Institutionen auf das Elend in den Alagados aufmerksam. Lázaro mobilisierte Kirchengemeinden aus Italien, die Caritas Schweiz, Terre des Hommes und weitere Vereine, die ihn mit finanziellen Mitteln unterstützten. In den 80er Jahren entstanden die ersten Kindertagesstätten, Schulen und Gesundheitsstationen. Im Jahre 2005 erlag Lázaro einem Krebsleiden.

1985 war die Zeit der Militärdiktatur zu Ende, es herrschte Aufbruchsstimmung in Brasilien. In der neuen Verfassung von 1988 wurden nicht nur demokratische, sondern auch soziale Rechte verankert, so daß die Zeit für Reformen günstig war. Der Druck auf die Regierenden nahm zu. In den 90er Jahren lenkten dann auch die Landesregierung Bahia und die Präfektur Salvador ihr Augenmerk auf die Belange der Favela-Bewohner und unterstützten die Vereine vor Ort. Unter Mitwirkung der Weltbank wurden die Alagados saniert, es wurden Häuser aus Stein gebaut, Abwassserkanäle gelegt und Strassen gebaut.

Mitglieder unserer Brasilien-Cooperative waren übrigens schon Anfang 1982 zum ersten Mal in den Alagados. Damals wußten wir noch nicht, dass wir 30 Jahre später hier einmal ein Projekt haben würden. Wir hätten schon Anfang der 80er Jahre auf einige der companheiros treffen können, mit denen wir heute zusammenarbeiten. So zum Beispiel Jerri (im Bild links), der in den Alagados aufgewachsen ist.

Und das genau ist das Besondere an diesem Projekt, dass wir nämlich Menschen unterstützen, die hier aufgewachsen sind und sich schon seit vielen Jahren für die Rechte ihrer Mitmenschen engagieren. Es mag manchmal wie ein "Tropfen auf den heißen Stein" aussehen, aber für viele Menschen bedeutet unsere Solidarität und Unterstützung eine konkrete Perspektive und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Oder wie Jerri es einmal nannte: "Eure Hilfe ist der Sauerstoff für unsere Arbeit hier".

 

Soziale Projekte: Cluberé, Kinderkrippe und Schule

Favela-Bewohner haben keine große Wahl, meistens müssen beide Elternteile und auch die Kinder zum Familieneinkommen beitragen. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, der die Kinder von der Schulbildung abschneidet, sind Einrichtungen wie der Cluberé, Kinderkrippen und Schulen sehr wichtig. Anfang der 80er Jahre entwickelte sich aus einem Projekt, in dem Kinder und Jugendliche zunächst Wassereis (Picolé) herstellten und verkauften, der Cluberé. Eine der treibenden Kräfte dieser Arbeit für Jugendliche war und ist Vera Lazarotto, die Witwe von Lázaro. Sie hat für ihre vorbildliche pädagogische Arbeit in der Favela mehrere Preise gewonnen. Der Cluberé ist heute ein Jugendzentrum, das zum Anlaufpunkt für viele Heranwachsende in Novos Alagados geworden ist. 

Der Cluberé zur Bauzeit vor 40 Jahren

und heute 

Es gibt zahlreiche kulturelle, künstlerische und sportliche Angebote wie Tanz-, Musik-, Capoeira- und Fussballunterricht. Daneben gibt es eine Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfeunterricht. Durch diese pädagogische Betreuung auch außerhalb der Schulzeit wird ein äußerst wichtiger Beitrag geleistet, um die Jugendlichen vor dem Abrutschen in Kriminalität, Drogenkonsum und Prostitution zu bewahren. Der Staat und die Stadtverwaltung haben sich in den letzten Jahren mehr und mehr aus der Förderung sozialer Projekte zurückgezogen. Um die Finanzierung dieser Arbeit langfristig zu sichern, wurde die Recyclingarbeit Emaús ins Leben gerufen.

Beginn der Zusammenarbeit

Der erste Projektbesuch fand im Jahr 2011 statt. Die Situation war die, dass es praktisch keine öffentlichen Mittel für den Cluberé und die Kinderkrippe gab. Die Präfektur lag teilweise 16 bis 17 Monate mit der Bezahlung der Gehälter für die Pädagoginnen im Rückstand. Die Kleinprojekte wurden sporadisch durch ein Sponsoring verschiedener Firmen gefördert. Einige der Erzieherinnen mussten sich eine andere Arbeit suchen, aber andere blieben auch in dieser schwierigen Zeit und arbeiteten als Freiwillige weiter.

Sehr schnell wurde klar, dass unsere Brasilien-Cooperative auf Dauer mit diesem Projekt finanziell überfordert sein würde. Aufgrund unserer positiven Erfahrung mit Emaús Amor e Justiça in Fortaleza kam uns die Idee, hier ebenfalls eine Emaúsgruppe zu gründen und mit dem Recycling eine finanzielle Basis für die sozialen Einrichtungen zu schaffen. So wurden zwei Personen ausgewählt, die nach Fortaleza reisen sollten, um sich die dort tätige Emaús-Gruppe genau anzusehen. Und die beiden kamen begeistert zurück. Das war der Beginn von Emaús Novos Alagados.

Im Prinzip war das Wichtigste vorhanden: ein engagiertes Team sowie eine Halle, die vor 30 Jahren zunächst als Textilfabrik und später als Druckerei diente. Letztere musste entrümpelt, etwas umgebaut und regendicht gemacht werden. Des Weiteren wurde ein Telefonanschluss benötigt, Werbematerial erstellt und ein kleiner Transporter für die Abholung der Schenkungen angeschafft. 

Die alte Textilfabrik Ceprima, heute das Emaús-Zentrum

So sah die Halle in 2011 vor der Emaús-Gründung aus

Die Halle bietet mit 500 qm viel Platz für die Werkstätten und den Verkaufsraum

Heute findet hier der Verkauf der Secondhand-Ware statt

 

 

 

 

 

 

 

 

Brasilien-Cooperative-Haltern eV
Recklinghäuser Str. 21
45721 Haltern am See

Kontakt

Tel.: 02364-168019

Email: info@brasilien-cooperative.de oder nutzen Sie unser Kontaktformular.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Brasilien-Cooperative-Haltern eV